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         Das Steinhaus am Rande der Warf

Es hat alle Stürme, Wasserfluten, Streitigkeiten, den Dreißigjährigen Krieg und Feuer überstanden;
erst Ende des vorigen Jahrhunderts gab der damalige Besitzer das Hofgebäude mit dem Steinhaus in Wirdum auf.

Ende des 17. Jahrhunderts wurden zur Zeit Edzards I. Cirksena in der großen Leybucht verschiedene Landzuwächse eingedeicht. Häuptling Eggerik Beninga, der im Dienst Edzards des Großen stand, berichtet in seiner friesischen Chronik von einem neuen Deich, der 1498 von Eilsum nach Osteel gebaut wurde. Dieser neue Deich umschloss kleine Landzuwächse von Greetsiel, Eilsum, Wirdum und Marienhafe. Neue Ländereien gewann man auch an der Nordseite des Dorfes Wirdum. Hier konnte sich ein Bauer mit seinem Betrieb neu ansiedeln. Er verließ die sichere Warf, da der neue Deich ihm Sicherheit bot und zog in das flache Neuland. Als Beispiel einer solchen Siedlungsmaßnahme wird hier ein Bauernhof am Warfrand in Wirdum beschrieben, der spätere Bismarckshof.

Das Vordergebäude dieses Hofes ist im Jahre 1994 grundlegend restauriert worden und brachte aufschlussreiche Erkenntnisse zur Baugeschichte. Durch die dendrochronologische Untersuchung verschiedener Eichenholzteile konnte das Alter der Balken der Kellerdecke und verschiedener Kehlbalken des Daches genau bestimmt werden. Die vier Kellereichenbalken können auf 1650 und die drei Kehlbalken auf das Jahr 1517 datiert werden.

Der Keller des Gebäudes ist aus großformatigen Backsteinen in Kalkmörtel gemauert. Ebenso wurde der vordere Giebel in diesem Material aufgebaut. Die Mauern sind im Keller 55 Zentimeter dick. Kleine Leuchternischen mit gotischen oberen Abschlüssen in den drei äußeren Kellerwänden lassen den Schluss zu, dass dieses Gebäude in seinen ältesten Mauerwerksteilen dem frühen 16. Jahrhundert angehört. Diese Annahme wird durch spätgotische Zierform-Elemente des südöstlichen Vordergiebels bestätigt. Der gotische Staffelgiebel, ein spitz zulaufender Entlastungsbogen über dem Kreuzstockfenster und gemauerte Zierbänder zwischen den Staffeln sind weitere Hinweise auf die Entstehungszeit des Steinhauses zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

Der Keller ist mit 6,50 mal fünf Meter für damalige Verhältnisse sehr geräumig und hat einen breiten Zugang. Das lässt darauf schließen, dass auf dem Hof Milchwirtschaft betrieben wurde und der Keller kühle Lagerstätte für Milch, Butter und Käse war.

Das Erdeschoß ist aufgeteilt in eine über dem Keller angeordnete Vorderkammer, die sogenannte Upkamer, den Hausflur, die Küche und eine kleine Nebenkammer. Die Upkamer war zugleich Wohn- und Schlafzimmer, in dem seitlich, auf der Ostseite, Butzen aus Holz eingebaut waren. In der Mitte dieses Raumes im Giebel gibt es einen offenen Kamin. Dieser hat als Auflager einen gemauerten Halbbogen, der im Giebelmauerwerk aufliegt und von dem Deckenbalken, der längs des Giebels liegt, gestützt wird.

Vom Hausflur gelangt man in die geräumige Küche. Darin befand sich eine weitere Feuerstelle. Die Raumhöhe des Kellers beträgt 1,60 Meter bis Unterkante Balken, in der Upkamer bis Unterkante Balken 2,20 Meter, im übrigen Erdgeschoss 3,20 Meter. Die Upkamer liegt also einen Meter höher als die übrigen Räume.

Die ursprüngliche Dachkonstruktion ist nicht mehr erhalten. Sie wurde wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erneuert und bestand aus Sparren, Kehlbalken, Mittelpfetten und Fußpfetten. Es wurden in dieser Konstruktion, wie schon erwähnt, einige alte Dachhölzer (von 1517) als Kehlbalken wiederverwendet.

Für die zwei Kaminanlagen wurden in beiden Giebeln Schornsteinzüge im Mauerwerksverband mit den Giebeln hergestellt. Die Dachziegel dürften bei der Erneuerung der Dachkonstruktion ebenfalls ausgewechselt worden sein. Der Zugang zum Dachboden erfolgt durch eine Bodenluke im Flur. An den Deckenbalken des Flures sind Holzhaken zum Aufhängen der Holzleiter angeordnet.

Im vorderen Giebel sind halbachsige Fenster mit Bleiverglasung rekonstruierbar. Deutlich erkennbar sind die beiden nebeneinanderliegenden Sandsteinstürze eines vierteiligen Fensters. Im oberen Teil des Giebels sind zwei halbachsige Fenster vollständig erhalten. Der obere Teil war mit einer Bleiverglasung versehen. Diese Verglasung war direkt in eine dafür vorgesehene Nut im Sand- und Backstein eingelassen. Die Mauerwerksanker aus Eisen sind an den Balkenenden angebracht und durch einen senkrechten Splint am Außenmauerwerk gesichert. Wie nun könnte die frühere Gesamthofanlage ausgesehen haben?

Mehrere alte Kartenskizzen aus dem 16. und. 17. Jahrhundert zeigen Hofanlagen mit großen Gulfscheunen und kleine, davor gesetzte niedrige Wohnhäuser. Eine Ansicht der Ortschaft Timmel von 1661 zeigt diesen Hoftyp in mehreren Beispielen. Es kann also ab Mitte des 17. Jahrhunderts schon die allgemeine Verbreitung der Gulfscheune angenommen werden.

Der Scheunenteil in Wirdum war in gleicher Firstrichtung des Wohnhauses von Süd nach Nord auf dem Grundstück angeordnet. Zwischen beiden Baukörpern befand. sich ein kleiner Zwischenbau, der als Karnkammer genutzt wurde. Direkt hinter dem Scheunenteil begannen die Ländereien. Zur Hofanlage verlief parallel ein Weg in Nord-Süd-Richtung des heutigen Wirdumer Altendeichs - vor 500 Jahren ein gerade fertiggestellter Seedeich. Man legte die Gebäude möglichst in der Nähe vorhandener Wege an, denn deren Befestigung war damals schwierig und teuer. Befestigte Wege im städtischen Bereich entstanden erst im 16. Jahrhundert. Die Futtervorräte wurden in überdachten sogenannten Heubergen gelagert. Der Viehstall bestand aus einer dreischiffigen Hallenkonstruktion aus Holz. Der Dachstuhl hatte schon seitliche Rähme, außerdem Ankerbalkenverbindungen und Kopfbänder. Die Holzverbindungen waren zimmermannsmäßig ausgeführt. Das Dach war mit Reet eingedeckt.

Das Steinhaus hat alle Stürme, Wasserfluten, Streitigkeiten, den Dreißigjährigen Krieg und Feuer überstanden. Es wurde mehrmals schwer beschädigt, aber immer wieder aufgebaut. Ende des vorigen Jahrhunderts gab der damalige Besitzer das Hofgebäude mit dem Steinhaus auf. In unmittelbarer Nähe ließ er sich eine neue, große und moderne Hofanlage errichten, das alte Wohngebäude blieb jedoch erhalten bis auf den heutigen Tag.

Das Vorderhaus eines zu Beginn des 16. Jahrhunderts gebauten Hofes - der spätere Bismarckshof - steht noch heute. Es wurde 1994 grundlegend restauriert.

Quellenangabe: Steinerne Zeugen in Marsch und Geest, Gulfhöfe und Arbeiterhäuser in Ostfriesland
                         Johann Aeilts, Jan Smitd, Martin Strohmann,
                        
Soltau-Kurier-Norden, ISBN: 3-928327-16-X