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Osteel, von Marienhafe früher nur durch das schmale Gebiet der Gemeinde Tjüche getrennt, fällt sofort durch die hochstehende Kirche mit dem Westturm auf. Sie ist nur unwesentlich jünger als die zu Marienhafe und war wie diese früher eine Kreuzkirche von immerhin 63m Länge (die Kirche von Marienhafe war 75m lang). Leider erlitt die Osteeler Werenfridus-Kirche ein ähnliches Schicksal wie der “Mariendom” zu Marienhafe. Schon 1686 waren bei einem schweren Sturm Dach und Gewölbe erheblich beschädigt worden. Die Instandsetzung erfolgte zwar bald, aber wohl nicht ausreichend. 1830 musste die Kirche verkleinert werden, sie verlor damals das Kreuz. Mehrfach - zuletzt 1970 - wurden umfangreiche Instandsetzungsarbeiten durchgeführt.
Die Orgel ist 1619 von Edo Evers erbaut, 1801 aber verändert worden. Einer Sage nach soll der Teufel oder ein Riese, der den Bau des Kirchturms verhindern wollte, große Steine in Richtung auf das Bauwerk geschleudert haben. Da aber seine Schleuder beim Wurf beschädigt wurde, erreichten die Steine das Ziel nicht, sondern fielen vor der Friedhofspforte nieder, wo sie heute noch zu sehen sind.
In älterer Zeit waren Kirche und Friedhof von Osteel mit einer sehr hohen Mauer umgeben und zum Schutz gegen Überfälle so fast festungsmäßig ausgebaut. Dieser ehemalige Schutz ist lange verschwunden; heute umgibt nur noch eine niedrige mauer am Wege um den Friedhof das große Gräberfeld. Das van Lengen'sche Aquarell der Osteeler Kirche ist ein Dokument besonderer Art, zeigt es doch die Kreuzkirche noch in voller Größe. Es dürfte um 1820 entstanden sein. Auch hier ist die genaue Darstellung bemerkenswert. Leider sind ja von der alten Osteeler Kirche unseres Wissens keine weiteren Bilder oder Skizzen erhalten geblieben. Interessant ist, dass auf dem Aquarell der Turm - im Gegensatz zu heute - ein flaches Dach hat und dadurch wuchtig wirkt. Das Bauwerk war insgesamt wohl nicht so elegant ausgeführt wie der Monumentalbau in Marienhafe, ist aber sicher in seiner kompakten Bauweise doch sehr beeindruckend gewesen. Der Marienhafer Malermeister Ahlrichs hat in einer Zeichnung festgehalten, wie die Osteeler Kirche um 1905 von Südosten her aussah. Sie wurde in der Zwischenzeit sehr verändert: Die Ostfenster sind zugesetzt und an der Südmauer Betonstützpfeiler angebracht worden. Auch die Bebauung vor und neben der Kirche ist nicht mehr die gleiche: Das alte Schulhaus wurde abgerissen und an seiner Stelle eine Leichenhalle mit Friedhofskapelle errichtet. Auch die Straße hat ihr Gesicht verändert: Sie ist breiter geworden, die zur alten Streckenführung der Bahn gehörenden Gleise sind verschwunden, und Fuhrwerke der von Ahlrichs dargestellten Art gibt es heutzutage dort wohl kaum noch.
Osteel -früher "Astedele" - gehörte einst zusammen mit Westeel und Bargebur zur Gemeinde Bergum. Mit dem Einbruch der Leybucht und dem Untergang von Westeel 1374 wurde Osteel abgeschnitten. Zu dem Zeitpunkt war der Ort bereits selbständiges Kirchspiel. Hatten sich schon lange vorher auf dem Hochmoorrücken Familien angesiedelt, darunter solche, die durch Sturmfluten wie die Julianenflut von 1164 aus ihren früheren Wohnorten vertrieben worden waren, so kamen nun noch die Westeeler Flüchtlinge hinzu. Die eigentliche Feldmark von Osteel wurde allerdings durch den Einbruch der See nicht allzu sehr betroffen. Eine Linie, die, im Süden beginnend, etwa über den Hingstlandsweg und Reitham zur jetzigen Landesstraße, von da in nordöstlicher Richtung den Osteeler Altendeich entlang bis zum "Alten Postweg" und weiter am "Moortunweg" bis zum Hof "Hundertgrasen" führt, grenzt ungefähr das vom Nordseewasser nicht erreichte Gemeindegebiet von Osteel ein. Da die Leybucht damals bis Norden vorgedrungen war und auch das ganze Gebiet der heutigen Süderneulande bis an Halbemond heran überschwemmt hatte, verlor Osteel die Landverbindung nach Norden. Seine Bindung an das Brookmerland wurde damit noch ausgeprägter als vorher. Am nördlichen Ende des "Alten Postweges" bei der Abzweigung des "Moortunweges" entstand der Osteeler Hafen. Über das heutige "Osteeler Schlicktief" und das "Addinggaster Tief" bestand eine direkte Verbindung zum Fahrwasser des nach Norden führenden Arms der Leybucht. Sie konnte aber wohl nur mit sehr flachgehenden Schiffen befahren werden. Am Hafen hatten die Osteeler Bauern ihre "Schlickfächer", in denen aus der Leybucht herangebrachter Schlick lagerte, bis er zur Bodenverbesserung, und da besonders auf den in den "Upstreeken" abgetorften Gebieten ostwärts der Osteeler Reihensiedlung, verwendet wurde. Als 1426 das Gelände ostwärts der jetzigen Bundesstraße 70 zwischen dem Osteeler Hafen und Nadörst durch einen Deich gesichert worden war, konnte man über die "Osteeler Kleese", eine in Verlängerung des Postweges über das Schlicktief gebaute Brücke, und den neuen Deich wieder nach Bargebur und Norden gelangen. 1585 wurden die "Woldlande" und die "Osteeler Neulande" durch einen neuen Deich dem Meere abgerungen. Das "Osteeler Schlicktief" diente noch lange Zeit dem Heranbringen von Schlick, verlor aber mit fortschreitender Eindeichung der Leybucht seine Bedeutung und dient heute nur noch der Entwässerung.
Die Hafenzeit von Osteel gehört der Vergangenheit an. Da Wasserwege für Osteel als Verkehrsverbindung praktisch ausscheiden, sind Landwege um so wichtiger. Hauptweg war und ist der von Marienhafe kommende "Alte Postweg", der am Rande der ursprünglichen Siedlungskette durch den ganzen Ort verläuft. Von ihm zweigen alle anderen Wege in westlicher oder östlicher Richtung ab. Zu den alten Verbindungen gehören der "Reithammer Weg" und der "Woldeweg", die die Verbindung zum Westteil der Gemeinde darstellen, sowie der "Moortunweg" nach Leezdorf. Weiter führen ostwärts der "Kirchweg", der "Adeweg" und der "Schwarze Weg", letzterer zugleich als Grenzweg zu den Süderneulanden und Halbemond. Alle diese Wege haben Verbindung mit dem im Osten der Gemeinde verlaufenden "Leezweg", der heute die Grenze nach Leezdorf bildet. Er verläuft im wesentlichen in Nord-Süd-Richtung, ,,springt" aber mehrfach um kurze Strecken hin und her. Die anderen Wege führen nahezu schnurgerade in West-Ost-Richtung mit leichter Verschiebung nach Nordost, so, wie der Torf aus dem Moor abgegraben wurde. Ansiedlungen an diesen Wegen sind allerdings erst verhältnismäßig jung. Die Bundesstraße 70, die "Brookmerlander Straße", ist in der Hannoverschen Zeit als "Chaussee" gebaut und erst 1848 fertiggestellt worden. Sie durchschneidet die Gemarkung Osteel von Marienhafe/Tjüche kommend in nord-nordwestlicher Richtung und erreicht bei der früheren "Osteeler Kleese" die alte Strecke nach Norden.
In der Osteeler Geschichte bleiben die schweren Zeiten der Mansfelder Besatzung ebenso unvergessen wie die Gestalten der beiden Pastoren Fabricius. Die Mansfelder Truppen brannten und mordeten zwischen 1622 und 1625 auch in Osteel. Nach ihrem Abzug blieben hier 51 Häuser niedergebrannt zurück und neun weitere standen leer, weil ihre Bewohner ermordet worden waren. Wie grausam es dabei zuging, geht aus dem Bericht eines Krummhörner Schulmeisters hervor: Als Osteeler Hausleute Torf gruben, wurden sie auf dem Moor von Soldaten gestellt und beschuldigt, ihr Geld vergraben zu haben. Ihr Hinweis auf die Winterbevorratung mit Torf fand kein Gehör; die Soldaten zwangen sie vielmehr, sie zu ihren Wohnungen zu führen. Dort vergewaltigten sie die Frau des einen Hausmannes, wobei er festgebunden zuzusehen hatte. Als er bat, man möge ihn losbinden, da er die Schande nicht mit ansehen könne, wurden ihm mit den Worten, wenn er nicht sehen wolle, dann solle er auch nicht sehen, beide Augen ausgestochen. Überliefert ist ferner, dass der "Capitain Paggensteker" die Glocken aus dem Osteeler Turm hat herunterholen, sie unten zerschlagen und nach Greetsiel bringen lassen, von wo er die Stücke nach Holland verfrachten und zum Kanonengießen verhökern wollte. Der Osteeler Kirchvogt Meint Gatena, ein mutiger Mann, scheute damals nicht die ihm drohende Lebensgefahr. Er setzte sich mit dem neutral gebliebenen Emder Magistrat in Verbindung und konnte erreichen, dass das Glockenmaterial wieder herausgegeben wurde. In Appingedam (Niederlande) konnten daraus zwei neue Glocken gegossen werden, deren eine, wie vorher, den Namen "Maria" erhielt. Diese hängt noch heute im Osteeler Kirchturm, während die zweite im ersten Weltkrieg auf Nimmerwiedersehen "eingezogen" wurde. Erst 1969 konnte das Osteeler Geläut durch Anschaffung von zwei neuen Glocken wieder vervollständigt werden.
Der Name "Fabricius" ist mit Osteel aus mehreren Gründen eng verbunden. Der 1564 in Esens als Sohn eines Schmiedemeisters geborene Pastor David Fabricius kam 1603 von Resterhafe nach Osteel. Er arbeitete an beiden Orten auch als Wissenschaftler. Als Astronom und Entdecker des Sterns "mira ceti" im "Walfisch" sowie - zusammen mit seinem Sohn - der Sonnenflecken ist er weltweit bekannt geworden. David Fabricius und sein Sohn Johann - dieser studierte Theologie wie sein Vater und betreute um 1613 die Gemeinde Hatshausen -waren begeisterte Sternforscher. Sie blieben weitgehend auf selbstangefertigte optische Geräte angewiesen, bis es gelang, aus Leyden (Holland) ein Fernrohr zu beziehen. Sie standen mit ihren berühmten Zeitgenossen Kepler und Tycho Brahe in freundschaftlichem Briefwechsel. Aber nicht nur als Astronom, auch als Kartograph und Wetterkundler hat sich David Fabricius einen Namen gemacht. Von ihm stammt eine der ersten verhältnismäßig genauen Karte von Ostfriesland: Sie wurde 1589 bei Johannes von Oldersum in Emden gedruckt. Jahrelang hat Fabricius Buch geführt über das Wetter, die Flüge der Seemöwen und über besondere Naturereignisse. Daneben war er, wie alle Pastoren jener Zeit, auch noch Bauer, gehörten doch zur Pfarre nicht geringe Ländereien. Auf den Märkten in Marienhafe wird er seine Tiere und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse genau so verkauft haben wie andere Bauern. Tragisch ist sein Tod. David Fabricius befasste sich, obwohl eigentlich Astronom, auch mit der Astrologie. Er selbst hatte den 7. Mai 1617 als einen für ihn bedrohlichen Tag ermittelt und sich daher tagsüber auch nicht draußen sehen lassen, um das Schicksal nicht unnötig herauszufordern. In später Abendstunde wähnte er die Gefahr vorüber und wagte einen Spaziergang. Da wurde er von dem Torfarbeiter Frerik Hoyer, den er sonntags zuvor von der Kanzel herunter des Diebstahls bezichtigt hatte, zur Rede gestellt. Nach einem heftigen Wortwechsel erschlug Hoyer seinen Pastoren mit dem Torfspaten. Zu Ehren von David Fabricius als Astronom wurde ihm auf dem Osteeler Friedhof ein Denkmal gesetzt, das die Urania mit dem Sonnenbild und einem Fernrohr zeigt. Sein Grabstein hat einen Ehrenplatz in der Kirche.
Wie für Upgant so hat auch für Osteel schon früh eine Rechtsordnung bestanden. Sie wurde als "Osteler Baurrecht und Keddenordnung" am 23. Oktober 1654 dem Fürsten von Ostfriesland zur erneuten Bestätigung (Genehmigung) vorgelegt und ist als "Ostdehler Bauerrecht" zwischen 1665 und 1690 nochmals eingereicht worden. Diese Ordnung befasst sich im wesentlichen mit der Unterhaltung und Instandhaltung von Wegen, Wasserläufen, Brücken und Durchlässen sowie der Aufsicht über die Äcker, die Meedlande, den "Alten Teich" (Alten Deich), die Dreesche usw. Alljährlich mussten die "Kedden" neu gewählt werden, die für die Einhaltung der Ordnung zu sorgen hatten und dazu recht empfindliche Geldbußen verhängen konnten. (Kedde ist abgeleitet vom altfriesischen "quetha oder quedan" =sprechen. Der Kedde war Sprecher, Verkünder von Gerichtsurteilen und Vollstreckungsbeamter im Brookmerland und in der gräflich-fürstlichen Zeit auch Bauerrichter.)
An die moderne Zeit erhielt Osteel Anschluss mit der Bahnlinie, die 1883 von Georgsheil bis Norden in Betrieb genommen wurde und damals an der "Chaussee" entlangführte.
Quelle: Das Land um den Störtebekerturm, Rudolf Folkerts / Jakob Raveling, ISBN 3-922365-33-7
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