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Historische Informationen zur Gemeinde Marienhafe

Urkundlich wird Marienhafe - genauer gesagt seine Kirche - erstmals im Sühnevertrag vom 16. Februar 1251 erwähnt, mit dem nach jahrelangem Kampf die Loslösung des Brookmerlandes von der Propstei Hinte und die Bildung einer eigenen, dem bischöflichen Offizial in Münster direkt unterstellten Propstei "Brokmannia" vereinbart wurde. Es kann aber als sicher angenommen werden, dass Marienhafe als Kirchenort viel älter ist, wenn es auch an genauen Daten fehlt. Sagen haben meistens einen wahren Kern. Eine solche Sage berichtet, dass der Missionar Liudger eine Wallfahrt von Leer zur Marienkirche in Marienhafe gestiftet haben soll. Liudger lebte von 742 bis 809. Er gründete u.a. die Kirche in Leer; sein Missionsgebiet umfasste auch den Federitgau, den Emsgau und die einstige Insel Bant, reichte also bis zum Brookmerland. Die Stiftung ist danach durchaus denkbar. Das würde bedeuten, dass Marienhafe schon damals eine sehr wahrscheinlich hölzerne- Kirche hatte, die auch schon der Jungfrau Maria geweiht war. Es wird vermutet, dass eine solche Kirche auf dem Friedhofshügel nördlich der heutigen Kirche gestanden hat. Bodenfunde aus dem Brookmerland, die von Professor Peter Zylmann auf "bald nach 800", also in die Zeit der 3. Warfenperiode (ab 700/750), datiert sind, könnten eine gewisse Bestätigung für eine Besiedlung sein. Man darf annehmen, dass die Gegend um Marienhafe und im ganzen Brookmerland zunächst nur dünn besiedelt war. Diese Besiedlung muss aber doch wohl dicht genug gewesen sein, um die Missionare zum Bau von Kirchen zu ermuntern.

Außer Frage steht, dass es zu einer stärkeren Besiedlung erst nach dem Deichbau kommen konnte, der hier kaum vor 1100 beendet gewesen sein dürfte. Aber ob die Bewohner jener Marschgebiete, die ihren Besitz durch Einbrüche der See im unmittelbaren Küstenbereich verloren hatten, von Anfang an in besonderem Umfang an der Urbarmachung des Hochmoors am Geestrand des Brookmerlandes beteiligt waren, erscheint uns nicht sehr sicher. Es muss hier doch schon eine starke Entwicklung vor sich gegangen sein, bevor diese neuen Siedler kamen, für die als Ursache ihrer Flucht in das Brookmerland u. a. die "Julianenflut" von 1164 angeführt wird. Die Brokmer werden nämlich bereits in der Östringer (Rasteder) Chronik von 1148 erwähnt, also 16 Jahre vorher. Das wäre sicher nicht geschehen, wenn sie nicht schon eine gewisse Bedeutung gehabt hätten. Sicher haben die Neusiedler die Entwicklung beschleunigt. Ein Bevölkerungskern aber muss vorher dagewesen sein denn dass sich die Bewohner dieses Gebietes auf eine jahrelange Fehde mit dem Bischof in Münster einlassen konnten, setzt doch wohl eine Geschlossenheit voraus, die kaum in wenigen Jahrzehnten zu erreichen war. Zudem treten die Brokmannen in der Zeit nach 1251 als Einwohner einer eigenen "terra", einer "Landesgemeinde" -eben des Brokmerlandes- auf, das über eine eigene Verfassung mit eigener Gerichtsbarkeit verfügte. Diese ist im  "Brokmerbrief" festgelegt, von dem es zwei Handschriften gibt; eine wird in das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts datiert, die zweite ist 1345 geschrieben worden. Der Brokmerbrief beeindruckt die Rechtsforscher bis heute; er wird gerne mit der "friesischen Freiheit" in Beziehung gebracht. Der Bischof von Münster gestattete 1251 den Brokmannen den Besuch der Märkte des Emslandes. Das kam sicher nicht von ungefähr und weist auf einen vermutlich recht bedeutsam entwickelten Handel hin, wie überhaupt Marienhafe auch als planmäßig angelegter Markt- und Handelsort angesehen wird. Im Landrecht der Brokmannen werden die Marktzeiten an vier Orten - sogenannten Wiken- unter besonderen Schutz gestellt: Marienhafe, Engerhafe, Victorbur und Aurich. Von diesen haben sich Engerhafe und Victorbur nicht halten können. Marienhafe dagegen wurde zum wichtigsten Handelszentrum zwischen Aurich, Emden und Norden.

Im 13. Jahrhundert nahm das Brookmerland einen gewaltigen Aufschwung, der sich unter anderem in großen Kirchenbauten ausdrückt, von denen der domartige Monumentalbau von Marienhafe alle anderen in den Schatten stellt. Er ist der Jungfrau Maria geweiht, Ausdruck der Marienverehrung, die damals das ganze Abendland erfasst hafte. Reiche Beute aus den Kreuzzügen, an denen die Friesen- und sicher auch die Brokmannen- beteiligt waren (z.B. bei der Eroberung von Lissabon 1147 und des Kettenturms von Damiette in Ägypten 1218), wurde für den Kirchenbau ebenso zur Verfügung gestellt wie die menschliche Arbeitskraft. Nicht zuletzt wird ein Stifter Wesentliches beigesteuert haben. Dass die Marienkirche damals zur größten Kirche im nordwestdeutschen Raum wurde, ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass ihre Vorgängerin schon als Wallfahrtskirche einen Namen hatte. Noch 1462 spendete Papst Pius II. einen Ablass für den Besuch der Kirche, für Spenden an Einrichtungsgegenständen sowie für Geldspenden zur Erhaltung der Kirche "curia beate Marie". Diese Kirche mit ihrem großen Hof und ihrer günstigen Lage führte dazu, dass sich Marienhafe zu einem wichtigen Marktort entwickelte, der Händler und Handwerker zur Ansiedlung veranlasste. Dabei war Marienhafe zunächst wohl gar kein selbständiger Ort. Im ältesten Kirchensiegel lautet nämlich die Umschrift "sigillum ecclesie S. Marie de Uppagent", was darauf schließen lässt, dass der Kirchenbereich zur Gemeinde - vielleicht gar ursprünglich Kirchengemeinde - Upgant gehörte. Aber im Schiedsspruch der Stadt Bremen usw. vom 9. Juni 1427 betreffend die Brokmer`schen-Ukena`schen Händel heißt die "curia Sancte Marie" bereits "Marienhoff": Der zugkräftigere Name ist auf die Kirchengemeinde übergegangen. Der Marktflecken Marienhafe entwickelte sich weiter und wurde für die Häuptlinge "tom Brok" zum bedeutenden Handelsplatz. Widzel tom Brok öffnete den damals noch jungen Hafen den "Likedeelern" oder "Vitalienbrüdern" unter Klaus Störtebeker. Diese nutzten den Ort als Schutz gegen Feinde, zum Stapeln der geraubten Waren und auch zu deren Absatz. Der Überlieferung nach bauten sie zur Sicherung gegen Angriffe von Land eine Mauer um den Ort, die möglicherweise zunächst als Hafenmauer geplant war und dann erweitert wurde. Sie war mit vier großen gewölbten Toren versehen. 1557 ließ die ostfriesische Gräfin Anna sie abtragen.

Schwere Einbrüche der See in den Sturmfluten der Jahre 1374 und 1377 machten Marienhafe - übrigens gleichzeitig mit Norden - zum Seehafen. Damit bestand die Möglichkeit, Waren aus dem Brookmerland direkt, ohne umladen zu müssen, auf dem Wasserwege ins Münsterland oder zu anderen Zielen zu transportieren. Der weit von der alten Küstenlinie entfernt im Lande gelegene Hafen war relativ sicher vor Überfällen. Er konnte auch wohl nur von Schiffen mit geringem Tiefgang benutzt werden. Dieser günstige Umstand trug sicherlich mit dazu bei, dass Marienhafe von den Hamburgern nicht zerstört wurde, als diese ihren Rachefeldzug gegen Seeräuber und mit ihnen sympathisierende Häuptlinge unternahmen. Dagegen wurden Faldern und Larrelt bei Emden sowie andere ostfriesische Bauten damals geschleift.

Was die Hamburger nicht schafften, das vollbrachten allerdings die Mansfelder Truppen, als sie im April 1622 Marienhafe heimsuchten. Hier, wo zu Anfang des 17. Jahrhunderts auf ostfriesischen Landtagen große Feste gefeiert worden waren, wo man sich bei den Beratungen um Steuern und Geld gestritten und dabei die Verteidigung des Landes außer acht gelassen hatte, schlugen die Mansfelder Horden mit Feuer und Schwert unbarmherzig zu. Sie ließen auch anderswo in Ostfriesland vielfach nur rauchende Trümmerhaufen zurück. Marienhafe verlor damals vier Fünftel seiner Einwohner und 33 Bauten. Die Überlebenden erhoben sich dennoch voller Erbitterung gegen ihre Peiniger, vertrieben sie, machten der Besatzungszeit so ein Ende und begannen mit großem Mut den Wiederaufbau ihres Marktortes Marienhafe. Wir haben aus alten Zeiten nur sehr wenige bildliche Darstellungen von Marienhafe. Die älteste, auf die später noch eingegangen werden wird, stammt aus dem Jahre 1632, entstand also zehn Jahre nach der Schreckenszeit der Mansfelder. Sie zeigt eine beachtliche Anzahl von Wohnhäusern und ist damit zugleich ein Dokument der Wiederaufbauleistung der Marienhafer.

Die Wirren nicht nur um den 30jährigen Krieg oder zu Pestzeiten, auch innerosttriesische Auseinandersetzungen wirkten sich aus: Als es 1660 wegen Steuereintreibungen zu Kämpfen zwischen "Gräflichen" und "Emder' Truppen kam, brachten bei Marienhafe die Brokmerländer Bauern den Emder Truppen das Laufen bei... Das Auf und Ab der politischen Entwicklung hat naturgemäß auch auf die Entwicklung von Marienhafe Einfluss gehabt, ob das nun das Ende des Fürstenhauses 1744 und der Anschluss Ostfrieslands an Preußen war, die im Anfang des 19. Jahrhunderts rasch wechselnde Zugehörigkeit zu Holland (1806), Frankreich (zusammen mit Holland 1810), Preußen (November 1813) und Hannover (Dezember 181 5) oder die Rückkehr zu Preußen 1866.

1758 hatte Marienhafe bereits eine Postwärter- und Postkutschenstation. 1775 gab es eigene Zünfte für die Bäcker, Böttcher, Drechsler, Maler, Schuster, Weber und Zimmerleute. 1877 wurde der Telegrafenbetrieb aufgenommen, 1883 der Eisenbahn- und um 1900 der Fernsprechverkehr. Interessant ist die Zunahme der Bebauung: 1774 gab es in Marienhafe 76 Häuser, 1859 waren es 83 und 1883 erst 87 einschließlich Bahnhof, aber ohne Kirche und Turm, die später die Nummer 98 erhielten. 1914 zählte man 116 Bauten, 1939 schon 156, und im Jahre 1970 wurde die Zahl 300 überschritten. Zwischen 1774 und 1883 blieb die Bautätigkeit sehr gering, verstärkte sich danach bis zum ersten Weltkrieg und ebenso bis zum zweiten Weltkrieg spürbar. Aber erst ab 1950 setzte eine große Bauwelle ein: Die Zahl der Häuser wuchs in knapp 200 Jahren um das Vierfache. Am Ende dieses Überblicks soll noch erwähnt werden, dass in der Marienkirche 1437 schon eine Orgel-vermutlich die erste in Ostfriesland - vorhanden war und dass aus dem Jahre 1593 die "Marienhafer Kirchenordnung für die lutherischen Prediger Ostfrieslands" bekannt ist.

1610 bestand bereits ein Fährbootverkehr zwischen Marienhafe und Emden (mit "Schnicken", die auch nach Fahne und Westerende bei Aurich fuhren), für den es feste Fahrzeiten und Tarife gab. Auch Wagenverbindungen bestanden nach Aurich, Norden und Emden. - Der aus sehr alter Zeit überkommene Jahrmarkt hatte eigene Marktordnungen, z.B. eine von 1744. Übrigens gab es während der Markttage neben den drei konzessionierten Gasthäusern noch 30 (1845 sogar 37) befristete Konzessionen: Jedes zweite Haus wurde dann zur Gastwirtschaft.

Quelle: Das Land um den Störtebekerturm, Rudolf Folkerts / Jakob Raveling, ISBN 3-922365-33-7

Wappen_Marienhafe